Endlich! Nach langer Pause ist es geschafft und wieder einmal konnten Änderungen von Leitsätzen des Deutschen Lebensmittelbuches auf den Weg gebracht werden. Viel zu lang war die Phase, in der es keine Veröffentlichung von Leitsatzänderungen oder -neufassungen gab. Zum einen nährt diese zeitliche Lücke die Vorwürfe der Kommissionskritiker. Zum anderen entspricht dieser berechtigte Kritikpunkt auch der Auffassung der Mitglieder der Lebensmittelbuch-Kommission selbst.

Umso mehr darf es alle am Lebensmittelverkehr Beteiligten freuen, dass die von der 32-köpfigen Lebensmittelbuch-Kommission in mehreren Plenarsitzungen beschlossenen, längst überfälligen Anpassungen an den geänderten Handelsbrauch und an die gewandelte Verbrauchererwartung nun zur Verfügung stehen und sich in der Ausgabe „Leitsätze 2015“ des Behr's Verlages niederschlagen.

Neben dem Leitsatz des Fachausschusses „Fleisch und Fleischerzeugnisse“ wurden inzwischen alle Leitsätze des Fachausschusses „Getränke“ geändert. Im Detail sind es die

Leitsätze für Fleisch und Fleischerzeugnisse

Leitsätze für Fruchtsäfte

Leitsätze für Erfrischungsgetränke

Leitsätze für weinähnliche und schaumweinähnliche Getränke

Leitsätze für Tee, teeähnliche Erzeugnisse, deren Extrakte und Zubereitungen.

Auch diese aktuellen Leitsätze sorgen hinsichtlich der beschriebenen Produkte wieder einmal für eine bessere Verständlichkeit und für mehr Klarheit. Das gilt in Bezug auf ihre Herstellung und Beschaffenheitsmerkmale ebenso wie für ihre Bezeichnung und Aufmachung. Der Nutzen ist für alle am Markt beteiligten Kreise offensichtlich:

Die Hersteller der Erzeugnisse haben weniger Beanstandungen zu befürchten, wenn sie diese leitsatzkonform produzieren. Die amtliche Überwachung kann sich an den objektivierten Sachverständigengutachten, die die Leitsätze darstellen, orientieren. Doch Vorsicht: Ein nicht den Leitsätzen entsprechend produziertes oder aufgemachtes Produkt ist noch lange nicht zu beanstanden! Jede Bewertung muss von den Experten sachkundig und mit Augenmaß vorgenommen werden. Das ist für die Kommissionsmitglieder zwar eine Selbstverständlichkeit, doch die Anwender seien sicherheitshalber immer wieder daran erinnert.

Auch die wissenschaftliche Meinung spiegelt sich in jeder Leitsatzänderung wider, sei es bei der Interpretation der Gesetzgebung für neue Produkte oder bei der Umsetzung europäischer Vorschriften in nationales Recht. Hier ein aktuelles Beispiel, über dessen Bedeutung man sich im Klaren sein muss: Hieß es im Lebensmittelund Futtermittelgesetzbuch (LFGB) noch „Verkehrsbezeichnung“, wird heute in der Lebensmittel-Informations­verordnung (LMIV) der EU von „Bezeichnung des Lebensmittels“ gesprochen. Gemeint ist zweifelsfrei dasselbe, denn selbst in der die gemeinsame Marktorganisation für landwirtschaftliche Erzeugnisse regelnden EU-Verordnung werden beide Begriffe gleichgestellt.

Das ist insbesondere für die Verbraucher gut zu wissen, denn die in den Leitsätzen des Deutschen Lebensmittelbuches niedergeschriebenen Verkehrsbezeichnungen – es sind inzwischen mehr als 2.200 – können wesentlich dazu beitragen, sich im Dschungel der Produktvielfalt zurechtzufinden. Unter derselben Bezeichnung werden dem Konsumenten vergleichbare Lebensmittel angeboten. Er kann seine Kaufentscheidung auf andere für ihn wichtige Kriterien konzentrieren, etwa auf den Preis, seine persönliche Geschmacksvorliebe oder auf den Wunsch nach regionalen Spezialitäten.

Um regionale Spezialitäten geht es auch in den geänderten Leitsätzen für Fleisch und Fleischerzeugnisse. Diese Produkte zu erhalten, Wissen über ihre Herstellung, Zusammensetzung und Kennzeichnung zu vermitteln, ist auch Aufgabe des Deutschen Lebensmittelbuches. Nirgendwo sonst gibt es so viele, im Detail beschriebene Produkte mit ihren Verkehrsbezeichnungen wie in den Leitsätzen. Allein wer in die Leitsätze für Fleisch und Fleischerzeugnisse schaut, wird staunen. Deshalb gilt es auch, die letzte Wurstspezialität zu bewahren – sowohl innerhalb unseres Landes, als auch über die Grenzen hinaus. Viele Konsumenten schätzen die Qualitäten und möchten sie auch künftig auf den Teller legen können. Besondere Rezepturen und Herstellungsweisen gehören schließlich zu unserer Kultur.

Kennen und lieben Sie „Halberstädter Würstchen“, „Hofer Rindfleischwurst“, „Thüringer Fleischrotwurst“ und „Schwarzwälder Schinken“? Das sind die Fleischerzeugnisse, deren Herstellung und Beschaffenheit nun nicht mehr in den Leitsätzen beschrieben sind. Weil diese deutschen Fleischerzeugnisse inzwischen Einzug in das europäische Verzeichnis der geschützten geographischen Angaben gehalten haben, findet sich in den Fleischleitsätzen nur noch ein Hinweis auf die EU-Liste.

Neu hinzugekommen ist dagegen eine erweiterte Definition von Formfleisch. Waren es früher hauptsächlich Kochpökelwaren, die aus kleineren Fleischstücken im Wesentlichen durch mechanische Vorbehandlung und den Kochprozess zusammengefügt wurden, so lassen sich heute auch Rohpökelwaren durch den Einsatz von Enzymen, Salzen und anderen möglichen Bindungssystemen aus kleineren Einheiten zusammenfügen. Damit Verbraucher derart hergestellte Formfleischerzeugnisse nicht mit Produkten aus gewachsenem Fleisch verwechseln, werden sie nun üblicherweise zum Beispiel als „Formfleisch-Rohschinken, aus Fleischstücken zusammengefügt“ bezeichnet. Mit dieser Anpassung wurde in den Leitsätzen sowohl den geänderten technologischen Praktiken als auch den Vorgaben der LMIV Rechnung getragen. Verbrauchertäuschung kann dadurch vermieden werden. Auch die Verkehrsbezeichnung für „Schinken“ wurde konkretisiert: Imitate tragen diese Bezeichnung nicht.

Für Klarheit sorgt die neu aufgenommene Definition für Cheeseburger. Dabei handelt es sich um einen Hamburger mit Käse- oder Schmelzkäseauflage. Sein Fleischanteil besteht aus gehacktem Rindfleisch. Schweinehackfleisch und stärkehaltige Bindemittel sind tabu.

Die Getränkeleitsätze entsprechen nun dem geltenden europäischen Aromenrecht. Zusätzlich wurden sie an die geänderten Verbraucherwartungen angepasst: Immer wieder nehmen nämlich Verbraucher Anstoß an Fruchtabbildungen auf Getränken, weil deren Geschmack nicht bzw. nicht überwiegend von Früchten oder Fruchtbestandteilen herrührt, sondern auf den Zusatz von Aromen unterschiedlicher Art zurückzuführen ist. Dies betrifft in besonderer Weise Erfrischungsgetränke, Tee, teeähnliche Erzeugnisse, deren Extrakte und Zubereitungen, aber auch wein- und schaumweinähnliche Getränke. Hier wurden Bezeichnungs- und Aufmachungshinweise für die einzelnen Produktgruppen gegeben, um die tatsächliche Beschaffenheit leichter zu erkennen. Während „aromatisierter Tee“ längst eine übliche Verkehrsbezeichnung darstellte, geben bei Limonaden nun ebenfalls Bezeichnungen wie „Limonade mit Apfelgeschmack“ oder „Limonade mit Apfel-Aroma“ einen Hinweis auf die Aromatisierung.

Ist mit diesen Leitsatzänderungen jedes Missverständnis ausgeräumt und der Verbrauchertäuschung ein Riegel vorgeschoben? Sicher nicht, denn so unterschiedlich die Verbraucher sind, so verschieden sind ihre Erwartungen, ihr Wissen, ihre persönliche Erfahrung und ihr Vertrauen in die Produkte. Es ist und bleibt in der Verantwortung jedes einzelnen Inverkehrbringers, durch eine gute Herstellungsund Kennzeichnungspraxis, misstrauische Konsumenten von der Sicherheit und Qualität der Lebensmittel zu überzeugen. Wenn Hersteller und Händler die Wahrnehmung der Kunden ernst nehmen und die Lieferketten durch eindeutige Herkunftsangaben transparent machen, wächst das Vertrauen in unsere Lebensmittel. Die Leitsätze des Deutschen Lebensmittelbuches leisten ihren Beitrag dazu. Sie informieren über viele Produkte und vermehren das Wissen derjenigen, die bereit sind, sie zu lesen.

Das Ziel, die Leitsätze aktuell zu halten und verständliche Formulierungen zu wählen, ist für die ehrenamtlichen Kommissionsmitglieder selbstverständlich. Schön, dass auch die Politik sich nun klar zum Deutschen Lebensmittelbuch und der Lebensmittelbuch- Kommission bekannt hat. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) selbst hatte die kürzlich veröffentlichte Evaluierungsstudie in Auftrag gegeben. Welche Schritte nun einzuleiten sind, um möglichst schnell zu neuen Leitsatz-Veröffentlichungen zu gelangen, bleibt abzuwarten. Die Forderung im Koalitionsvertrag, die Leitsätze stärker am Anspruch der Verbraucher nach Wahrheit und Klarheit auszurichten, mag gut gemeinte Absichten verfolgen.

Bei aller Stärkung der Verbraucherinteressen kann aber sicher nicht gemeint sein, dass künftig die verkehrsübliche Bezeichnung eines Lebensmittels durch Verbraucherfragen bestimmt werden soll. Zu den nachvollziehbaren Wissensdefiziten in warenkundlichen und lebensmittelrechtlichen Bereichen kämen dann nämlich noch eigene ideologische Anschauungen der Verbraucherschaft hinzu. Von den bewährten objektivierten Sachverständigengutachten würde man sich dann wohl verabschieden müssen. Die weit verbreitete Akzeptanz der Leitsätze ist auch nur zu halten, wenn die paritätische Zusammensetzung der Kommission nicht geopfert wird.

Statt vermeintlicher Verbraucherschützer, braucht die Kommission engagierte, fachlich qualifizierte Mitstreiter. Gut, dass auch der Vorwurf, die DLMBK sei verfassungswidrig, nur eine Einzelmeinung war und widerlegt werden konnte. Es hätte auch sehr verwundert, wenn ihr nach mehr als 50 Jahren die Legitimation ihres gesetzlichen Auftrages abgesprochen worden wäre.

Freuen wir uns also auf die nächsten Leitsatzaktualisierungen – Neues im Bereich Fleisch und Fleischerzeugnisse ist bereits in Arbeit.



Die Vorsitzende der Deutschen Lebensmittelbuch-Kommission

Dr. Birgit Rehlender